Coaching & Trainingsgestaltung für die 99,9 Prozent

07.08.2026 |
Teilen:

Vor Kurzem haben wir mit John Kessel gesprochen, einer der bekanntesten internationalen Stimmen im Bereich der Volleyballentwicklung. In unserem Gespräch teilte er viele interessante Einblicke und umfangreiches Wissen über Coaching und Spielerentwicklung.

John Kessel ist seit mehreren Jahrzehnten im Volleyball tätig. Er war Director of Sport Development bei USA Volleyball und arbeitete außerdem mit Organisationen wie der FIVB und World ParaVolley zusammen. Im Laufe seiner Karriere leitete er weltweit Trainerfortbildungen und Ausbildungsprogramme, wobei sein Schwerpunkt stets darauf lag, den Volleyballsport weiterzuentwickeln und die Art und Weise zu verbessern, wie Volleyball Spielerinnen und Spielern aller Alters- und Leistungsstufen vermittelt wird.

Wir sprachen unter anderem darüber, wie Trainer Freeballs effektiver trainieren können, warum das Netz während des gesamten Trainings eingesetzt werden sollte und weshalb Trainer ihrem ersten Urteil bei der Bewertung eines Spielers, einer Leistung oder einer Coaching-Maßnahme nicht immer vertrauen sollten.

In den kommenden Wochen werden wir auf VolleyballXL mehrere Blogs veröffentlichen, in denen wir diese Themen ausführlicher behandeln.

Wir beginnen mit einem der Grundpfeiler von Kessels Coaching-Philosophie: Coaching & Programming for the 99.9 Percent.

In vielen Sporthallen bietet sich ein vertrautes Bild. Eine Gruppe junger Volleyballspieler steht in einer Reihe. Ein Spieler nimmt einen zugeworfenen Ball an, während die anderen warten. Anschließend stellt er sich wieder hinten in der Reihe an. Die Übung wirkt organisiert, der Trainer hat die Kontrolle und auf dem Papier wird Technik trainiert.

Aber lernen die Spieler auf diese Weise wirklich, Volleyball zu spielen?

Diese Frage steht im Mittelpunkt der Philosophie von John Kessel. Eine Philosophie, die wir gerne mit anderen Volleyballtrainern teilen, denn seine Botschaft ist klar, praxisnah und vielleicht auch ein wenig unbequem: Spieler lernen das Spiel nicht dadurch, dass sie endlos Übungen abarbeiten. Sie lernen es vor allem dadurch, dass sie Volleyball spielen.

Eine internationale Stimme in der Volleyballentwicklung

John Kessel ist seit Jahrzehnten in der internationalen Volleyballwelt aktiv. Er arbeitete mit Organisationen wie USA Volleyball, der FIVB und World ParaVolley zusammen und leitete in zahlreichen Ländern Trainerfortbildungen und Ausbildungsprogramme.

Seine Arbeit konzentriert sich nicht ausschließlich auf den Spitzenvolleyball, sondern insbesondere auf die breite Basis des Sports: Kinder, Anfänger, Schulen, Freizeitspieler und lokale Vereine.

Daher stammt auch der Titel seiner Philosophie: Coaching & Programming for the 99.9 Percent. Im Mittelpunkt steht nicht die kleine Gruppe von Profis oder Nationalspielern, sondern die große Mehrheit der Athleten, die Volleyball aus Freude, zur persönlichen Entwicklung, wegen der Gemeinschaft und der Bewegung spielen.

Für Kessel beginnt gutes Coaching nicht mit der Frage, welche Übung ein Trainer durchführen möchte. Es beginnt mit einer anderen Frage:

Wie hilft man Spielern dabei, das Spiel zu verstehen und dafür zu sorgen, dass sie gerne wiederkommen?

Spieler sind keine „Driller“

Eine der wiederkehrenden Aussagen in Kessels Philosophie ist, dass Volleyballspieler keine „Driller“, sondern PLAYer sind.

Das klingt vielleicht wie ein einfaches Wortspiel, doch dahinter steckt eine wichtige Botschaft. Spieler müssen lernen zu spielen. Sie müssen lernen, Situationen zu lesen, zu reagieren, zu kommunizieren, sich zu bewegen, Entscheidungen zu treffen und Probleme zu lösen.

In traditionellen Trainingseinheiten wird Volleyball häufig in einzelne Bestandteile zerlegt. Zuerst Annahme. Dann Zuspiel. Dann Angriff. In einem Spiel treten diese Elemente jedoch niemals isoliert voneinander auf.

Auf eine Annahme folgt immer eine weitere Aktion. Ein Zuspiel erfordert Timing und Positionierung. Ein Angriff wird durch die vorausgegangene Spielsituation beeinflusst.

Laut Kessel liegt genau hier eine der Schwächen vieler Trainingseinheiten. Spieler werden gut darin, eine Übung auszuführen. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie das Spiel besser verstehen.

Weniger warten, mehr machen

Wenn Spieler durch aktives Handeln lernen, ist Warten eines der größten Hindernisse für ihre Entwicklung. Dennoch gehört Warten in vielen Trainingseinheiten weiterhin zum Alltag. Ein Spieler führt die Aktion aus, während der Rest zusieht.

Deshalb setzt sich Kessel deutlich für kleinere Spielformen wie 1 gegen 1, 2 gegen 2 und 3 gegen 3 ein.

In diesen Spielformen hat jeder Spieler häufiger Ballkontakte. Die Spieler müssen sich öfter bewegen, häufiger kommunizieren und mehr Entscheidungen treffen. Dadurch lernen sie nicht nur Technik, sondern auch, Spielsituationen besser zu lesen.

Für Trainer ist das eine wichtige Erkenntnis. Besonders bei Anfängern und Jugendspielern ist 6 gegen 6 nicht immer die beste Spielform zum Lernen. Auf einem großen Spielfeld können einzelne Spieler leicht aus dem Spielgeschehen verschwinden. Auf einem kleineren Feld ist jeder beteiligt.

Das Netz von Anfang an nutzen

Ein weiterer wichtiger Punkt in Kessels Philosophie ist, dass Volleyball möglichst häufig über ein Netz gelernt werden sollte.

Nicht endlos ohne Netz hin und her pritschen oder baggern. Nicht ausschließlich zugeworfene Bälle von derselben Seite annehmen. Volleyball ist ein Spiel mit einem Netz, Raum, Richtung und einem Gegner.

Das Netz muss dabei nicht perfekt sein. Ein Seil, ein Band, ein Badmintonnetz oder eine andere einfache Lösung kann bereits ausreichen. Entscheidend ist, dass die Spieler lernen, auf einen Ball zu reagieren, der von der anderen Seite kommt.

Erst dann entsteht der Kontext des tatsächlichen Spiels.

Spaß ist kein Extra

Kessel richtet seinen Fokus stark auf die breite Masse der Volleyballspieler. Für diese Gruppe ist Spaß keine Nebensache, sondern eine Voraussetzung dafür, langfristig dabeizubleiben.

Spieler kommen nicht wieder, weil sie zwanzigmal sauber in einer Reihe angenommen haben. Sie kommen wieder, weil sie gespielt, gelacht, Erfolgserlebnisse gehabt und sich als Teil einer Mannschaft gefühlt haben.

Eine der wichtigsten Fragen für jeden Trainer lautet daher vielleicht:

Wie viele Spieler möchten auch in der nächsten Saison wieder Volleyball spielen?

Das bedeutet nicht, dass Training ohne Struktur stattfinden sollte. Es bedeutet, dass Entwicklung und Freude am Spiel miteinander verbunden sein müssen.

Eine gute Trainingseinheit ist nicht nur gut organisiert. Sie sorgt dafür, dass die Spieler aktiv sind, gefordert werden und gerne wiederkommen.

Der Trainer als Begleiter

In Kessels Philosophie ist nicht der Trainer die Hauptfigur der Trainingseinheit. Die Spieler sind es.

Der Trainer schafft Situationen, stellt Fragen und unterstützt die Spieler dabei, Lösungen selbst zu entdecken.

Das bedeutet manchmal weniger zu reden, weniger vorzumachen und weniger Bälle einzuwerfen. Stattdessen geht es darum, mehr zu beobachten, gezielt zu begleiten und gute Fragen zu stellen.

Was hast du gesehen?

Welche andere Möglichkeit hattest du?

Wie kannst du den nächsten Ball besser spielen?

Auf diese Weise lernen Spieler nicht nur, was sie tun sollen. Sie lernen auch, warum sie es tun.

Fehler gehören zum Lernen

Volleyball ist chaotisch, besonders für Anfänger. Bälle fliegen in alle Richtungen, Spieler stehen nicht optimal, Ballkontakte misslingen oder sie entscheiden sich für eine Lösung, die nicht funktioniert.

In vielen Trainingseinheiten werden Fehler sofort korrigiert. Kessel betrachtet Fehler dagegen als notwendigen Bestandteil des Lernprozesses.

Nicht jeder Fehler ist gleich. Ein Ball ins Netz beendet den Ballwechsel sofort. Ein zu lang gespielter Ball kann dagegen noch wertvolle Informationen über Richtung, Timing, Kraft und Raum liefern.

Wenn Trainer ihren Spielern vermitteln, welche Fehler besser sind als andere, helfen sie ihnen dabei, das Spiel tiefer zu verstehen.

Das Ziel besteht nicht darin, jeden Fehler so schnell wie möglich zu vermeiden. Das Ziel besteht darin, ein Umfeld zu schaffen, in dem Spieler ausprobieren, Fehler machen, sich anpassen und bessere Lösungen entdecken können.

Für das Spiel trainieren

John Kessels Philosophie ist kein Argument gegen Struktur. Sie ist auch kein Aufruf dazu, im Training einfach irgendetwas zu machen.

Sie ist ein Aufruf, bewusster zu coachen.

Weniger Reihen. Mehr spielen.

Weniger warten. Mehr Ballkontakte.

Weniger vorgeben. Mehr entdecken.

Weniger trainieren, damit die Übung gut aussieht. Mehr trainieren, damit die Spieler besser Volleyball spielen.

Für Volleyballtrainer ist das vielleicht die wichtigste Botschaft aus Coaching & Programming for the 99.9 Percent.

Die entscheidende Frage ist nicht, wie viele Übungen du kennst. Entscheidend ist, ob deine Spieler im eigentlichen Spiel besser werden.

Vielleicht beginnt das nicht mit noch einer neuen Übung.

Vielleicht beginnt es mit einem kleineren Feld, einem Ball, einem Netz und einer einfachen Anweisung:

Spielt.

Beliebte Blogs