Schluss mit einfachen Dankebällen: So setzt du den Gegner unter Druck

08.10.2026 |
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Ein Dankeball wird im Volleyball oft als einfacher Ball betrachtet, den man möglichst sicher zum Gegner zurückspielt. Die Anweisung lautet meist: Hauptsache, der Ball geht übers Netz. Danach stellt sich die Mannschaft neu auf und bereitet sich auf den nächsten Spielzug vor.

Aber warum sollten wir dem Gegner überhaupt einen einfachen Ball schenken?

Auch wenn eine Mannschaft keinen regulären Angriff mehr aufbauen kann, lässt sich mit dem dritten Ballkontakt noch Druck ausüben. Statt den Ball einfach nur zurückzuspielen, können Spieler lernen, ihn gezielt, unangenehm und taktisch klug auf die andere Feldseite zu bringen.

John Kessel, internationaler Volleyballtrainer und FIVB-Level-5-Instruktor, bezeichnet einen solchen Ball als „Mean Ball“: einen bewusst platzierten Ball, der es dem Gegner erschwert, einen wirkungsvollen Angriff aufzubauen.

Dieser Gedanke passt zu Kessels grundsätzlicher Trainingsphilosophie. In unseren früheren englischsprachigen Artikeln Coaching & Programming for the 99.9 Percent und Please Use the Net haben wir bereits beschrieben, warum er spielnahe Übungen, eigenständige Entscheidungen und das Lösen echter Spielsituationen so wichtig findet.

Das Problem mit dem klassischen Dankeballtraining

In vielen Trainingseinheiten steht der Trainer mit einem Ballwagen neben dem Feld. Er wirft oder schlägt einen Ball über das Netz, die Mannschaft nimmt ihn an und baut anschließend einen Angriff auf.

Auf den ersten Blick klingt das nach einer sinnvollen Übung. Allerdings hat diese Methode einen entscheidenden Nachteil: Der Trainer übernimmt immer wieder den dritten Ballkontakt. Damit trainiert vor allem er, den Ball über das Netz zu spielen. Dabei sind es die Spieler, die genau diese Fähigkeit im Wettkampf benötigen.

Hinzu kommt, dass die Bälle häufig aus unrealistischen Positionen kommen. Steht der Trainer außerhalb des Feldes auf Höhe der Position 4, spielt er die Bälle aus einem Winkel ein, der im Spiel deutlich seltener vorkommt. Außerdem sind diese Bälle meist sauberer und berechenbarer als die schwierigen Situationen, die Spieler im Wettkampf lösen müssen.

Im Spiel müssen Spieler den Ball manchmal aus dem Gleichgewicht heraus baggern, mit einer Hand retten, aus dem Stand angreifen oder mit einem kontrollierten Roll Shot übers Netz bringen. Manchmal müssen sie einem ungenauen Pass bis zur Seiten- oder Grundlinie hinterherlaufen, bevor sie den Ballwechsel überhaupt fortsetzen können.

Solche Situationen gehören zum sogenannten Out-of-System-Spiel. Sie sollten regelmäßig trainiert werden, statt sich ausschließlich auf perfekte Annahmen und einen idealen Angriffsaufbau zu konzentrieren.

Genau diese Probleme müssen die Spieler lernen, selbst zu lösen.

Spielsituationen früher erkennen

Ein weiteres Problem beim klassischen Dankeballtraining ist der Zeitpunkt, zu dem die Spieler reagieren.

Viele Trainer schlagen mit der Hand auf den Ball, um einen kommenden Dankeball anzukündigen. Daraufhin lösen sich die Vorderfeldspieler vom Netz und die Mannschaft nimmt ihre Positionen ein.

Im Spiel ist diese Reaktion meistens zu spät.

Erfahrene Spieler erkennen häufig schon nach dem zweiten Ballkontakt des Gegners, dass kein regulärer Angriff mehr möglich ist. Kann der zweite Ball nicht sinnvoll zu einem Angreifer zugespielt werden, wird der dritte Kontakt wahrscheinlich als Baggerball, oberes Zuspiel oder kontrollierter Angriff über das Netz gespielt.

Genau in diesem Moment sollte die eigene Mannschaft bereits reagieren. Die Vorderfeldspieler lösen sich vom Netz, die Hinterfeldspieler passen ihre Positionen an und der Zuspieler bereitet sich darauf vor, den zweiten Ballkontakt zu übernehmen.

Die Mannschaft verteidigt also nicht mehr nur, sondern bereitet bereits den Übergang von der Abwehr zum eigenen Angriff vor – die sogenannte Transition oder das Umschaltspiel.

Trainer sollten deshalb vermeiden, ihre Spieler ausschließlich auf Zurufe oder das Klatschen auf einen Ball reagieren zu lassen. Stattdessen müssen sie lernen, die Körperhaltung des Gegners, die Qualität des zweiten Ballkontakts und die verbleibenden Angriffsmöglichkeiten zu erkennen.

Mach aus jedem Dankeball einen Angriff auf die gegnerische Ordnung

Ein Ball muss nicht hart geschlagen werden, um Druck auszuüben.

Auch ein Baggerball oder ein oberes Zuspiel kann gezielt und wirkungsvoll eingesetzt werden. Das Ziel sollte nicht nur sein, den Ball irgendwie über das Netz zu bringen. Die Spieler sollten versuchen, dem Gegner den nächsten Angriffsaufbau so schwer wie möglich zu machen.

Geeignete Ziele sind beispielsweise:

  • Zone 1 oder Zone 2;
  • der Zuspieler oder der Raum, den er gerade verlässt;
  • die Nahtstelle zwischen zwei Abwehrspielern;
  • eine andere freie Fläche im gegnerischen Feld.

Besonders Bälle in Richtung Zone 1 oder 2 können wirkungsvoll sein. Von dort muss der Zuspieler den Ball häufig aus einem ungünstigeren Winkel stellen. Wird er sogar gezwungen, den ersten Ballkontakt zu übernehmen, muss ein anderer Spieler zuspielen. Dadurch werden die Angriffsmöglichkeiten des Gegners meist eingeschränkt.

Die Spieler sollten lernen, vor dem dritten Kontakt bewusst auf die andere Feldseite zu schauen:

  • Wo steht der Zuspieler?
  • Welcher Spieler ist noch in Bewegung?
  • Wo befindet sich die größte freie Fläche?
  • Welcher Spieler wirkt beim ersten Ballkontakt unsicher?

So wird aus dem dritten Ballkontakt nicht einfach eine technische Notwendigkeit, sondern eine taktische Entscheidung.

Lass den Trainer den zweiten Ballkontakt spielen

Eine einfache Möglichkeit, das Dankeballtraining realistischer zu gestalten, besteht darin, die Rolle des Trainers zu verändern.

Statt den dritten Ball über das Netz zu spielen, übernimmt der Trainer den zweiten Kontakt. Anschließend muss der Spieler selbst entscheiden, wie er den Ballwechsel fortsetzt.

Der Trainer kann dabei die Höhe und Qualität des Balls variieren. Ein flacher Ball erfordert möglicherweise einen gezielten Baggerball. Bei einem mittelhohen Ball kann der Spieler zwischen einem oberen Zuspiel und einem kontrollierten Angriffsschlag wählen. Ein höherer Ball ermöglicht vielleicht einen Standangriff, einen Roll Shot oder sogar einen vollständigen Sprungangriff.

Auch die Position, von der die Bälle eingespielt werden, sollte variieren. Stell den Ballwagen an unterschiedliche Stellen des Feldes, statt immer neben Position 4 zu stehen. Lass Spielsituationen aus dem Hinterfeld, von den Seitenlinien oder von der Grundlinie entstehen. Gelegentlich sollte ein Spieler auch einem schlechten Pass hinterherlaufen müssen, bevor er den dritten Kontakt ausführt.

Dadurch entstehen Situationen, die dem echten Spiel deutlich näherkommen. Passende Übungen findest du auch in unserer Sammlung mit Volleyballübungen. Dort kannst du gezielt nach dem Schwerpunkt „Out of system“ suchen.

Erlaube deinen Spielern, Fehler zu machen

Wenn Spieler zum ersten Mal versuchen, schwierige und gezielte Bälle über das Netz zu spielen, werden Fehler passieren. Manche Bälle landen im Netz, andere im Aus oder genau dort, wo der Gegner sie am liebsten haben möchte.

Das gehört zum Lernprozess.

Wenn der Trainer sofort wieder fordert, den Ball einfach nur sicher über das Netz zu spielen, entwickeln die Spieler weder das Selbstvertrauen noch die Kontrolle, die sie für bessere Entscheidungen benötigen.

Sie brauchen viele Wiederholungen, um zu lernen:

  • welche Technik sich für welche Situation eignet;
  • wo freie Räume entstehen können;
  • wie viel Risiko in einer bestimmten Situation sinnvoll ist.

Es geht nicht darum, dass jeder dritte Ballkontakt von Anfang an perfekt platziert wird. Entscheidend ist, dass die Spieler hinschauen, mitdenken und nach und nach bessere Entscheidungen treffen.

Ein erfolgreicher Mean Ball führt nicht unbedingt sofort zum Punkt. Manchmal reicht es schon, den Gegner in Bewegung zu bringen, den Zuspieler zum ersten Ballkontakt zu zwingen oder die Zahl der verfügbaren Angreifer zu reduzieren. Solche kleinen Vorteile können im weiteren Verlauf des Ballwechsels entscheidend sein.

Trainiere auch die Mannschaft, die den Ball annimmt

Auch die Mannschaft auf der anderen Netzseite muss lernen, einen solchen Ball als Chance zu nutzen.

Wenn der Gegner keinen regulären Angriff mehr aufbauen kann, sollte die eigene Mannschaft bereit sein, aus dem ankommenden Ball einen wirkungsvollen Gegenangriff zu entwickeln. Dazu gehören ein sauberer erster Ballkontakt, mehrere anspielbereite Angreifer und die Wahl der besten Angriffsoption.

Eine gute Ballkontrolle beim ersten Kontakt bleibt deshalb entscheidend, selbst wenn der ankommende Ball zunächst einfach aussieht. Weitere Anregungen findest du in unserem Artikel mit Tipps zur Verbesserung der Volleyball-Annahme.

Schwieriger wird es allerdings, wenn der Gegner gelernt hat, gezielte Mean Balls statt einfacher Dankebälle zu spielen. Ein Ball auf den Zuspieler, in die hintere Ecke oder zwischen zwei Spieler kann den gewohnten Spielaufbau erheblich stören.

Genau deshalb profitieren beide Mannschaften von dieser Trainingsmethode. Die eine lernt, mit dem dritten Kontakt Druck auszuüben. Die andere lernt, auch bei unerwartet schwierigen Bällen ihre Spielorganisation aufrechtzuerhalten.

Nutze Mean Balls in spielnahen Übungsformen

Das Prinzip lässt sich problemlos in ein Sechs-gegen-sechs integrieren. Es funktioniert aber genauso gut in kleineren Spielformen.

Geeignete Spielformen sind beispielsweise:

  • King of the Court, Speedball oder Wash Games;
  • Drei-gegen-drei- und Vier-gegen-vier-Spiele;
  • Volleyballtennis oder Spielformen mit nur einem Ballkontakt.

Der Trainer kann beispielsweise einen Bonuspunkt vergeben, wenn eine Mannschaft:

  • den dritten Ballkontakt gezielt in Zone 1 oder 2 spielt;
  • den gegnerischen Zuspieler zum ersten Ballkontakt zwingt;
  • verhindert, dass der Gegner einen vollständigen Angriff aufbauen kann.

Eine andere Möglichkeit besteht darin, Punkte nur dann zuzulassen, wenn der Ball bewusst in einen bestimmten Zielbereich gespielt wird. Dadurch werden die Spieler angeregt, vor dem Ballkontakt die gegnerische Feldseite wahrzunehmen.

Die Regeln sollten allerdings nicht so kompliziert werden, dass sich die Spieler mehr mit dem Punktesystem als mit dem Volleyballspielen beschäftigen. Ein klares taktisches Ziel reicht meistens aus.

Von „Hauptsache rüber“ zu „Setz den Gegner unter Druck“

Bei jungen Spielern und Anfängern ist es natürlich zunächst wichtig, überhaupt zu lernen, den Ball über das Netz zu spielen. Wenn schon der dritte Ballkontakt eine große Herausforderung darstellt, ist eine präzise Platzierung möglicherweise noch zu viel verlangt.

Sobald die Spieler jedoch genügend Ballkontrolle entwickelt haben, sollte sich auch die Anweisung verändern.

Statt zu sagen:

„Hauptsache, der Ball geht übers Netz!“

Frag lieber:

„Wohin kannst du den Ball spielen, damit es für den Gegner möglichst schwierig wird?“

Das klingt nach einer kleinen Veränderung, beeinflusst aber die gesamte Herangehensweise der Spieler. Sie lernen, den Gegner zu beobachten, freie Räume zu erkennen, taktische Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für ihre Aktionen zu übernehmen.

Ein Dankeball muss kein Geschenk sein. Selbst wenn ein regulärer Angriff nicht mehr möglich ist, kann eine Mannschaft weiterhin Druck ausüben und den nächsten Verlauf des Ballwechsels beeinflussen.

Trainiere deshalb nicht nur, wie deine Spieler den Ball sicher über das Netz bringen. Bring ihnen bei, aus jedem dritten Ballkontakt einen gezielten, unangenehmen und taktisch wirkungsvollen Ball zu machen.

Trainiere diese Situationen in deiner nächsten Volleyballtrainingseinheit

Du möchtest, dass deine Spieler im Training häufiger spielnahe Entscheidungen treffen? Entdecke unsere Volleyballübungen für Umschaltspiel, Feldabwehr und Out-of-System-Situationen. Oder erfahre, wie du eine komplette Volleyballtrainingseinheit mit klaren Trainingszielen aufbaust.

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